Aliens hauen die Erde zu Klump

"Independence Day: Wiederkehr": Ein herrlicher Schmarrn

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Apokalyptische Wimmelbilder gibt es bei der Rückkehr der noch größeren, böseren, gefährlicheren Aliens zu genießen. 

München - Roland Emmerich lässt in „Independence Day: Wiederkehr“ erneut die Illusionsmaschine auf Hochtouren laufen. Und liefert damit ein Weltuntergangsszenario, das sich gewaschen hat.

Damals war der Erfolg letztlich mit einem einzigen Bild besiegelt. Es war 1996. Bill Clinton kämpfte um die Wiederwahl als Präsident. Viele US-Amerikaner, im Golfkriegs-Nachhall, waren ergriffen von einer seltsamen Mischung aus Hauruck-Patriotismus und Hass auf die Washingtoner Polit-Elite. Und dann kam dieser Trailer, in dem Aliens am Nationalfeiertag das Weiße Haus in die Luft jagen: ein Popkultur-Volltreffer in die Reaktorkammer des Zeitgeists. Der unausweichliche Rest ist Kinokassengeschichte.

Zwanzig Jahre ist das her. Die Welt hat sich seither verändert – oder womöglich gar nicht so sehr. Allemal anders aber sollte der Blick sein auf Roland Emmerichs Werk. Seit „Independence Day“ hat „unser Mann in Hollywood“ genug Gelegenheit gegeben zu begreifen, dass seine Filme keine tumben Haudrauf-Schwarten, sondern bewusst als „Camp“ zu sehen sind. Camp, das ist jene von Susan Sontag in einem Essay-Klassiker beschriebene Ästhetik, die sich ergötzt an Exzess, Kitsch und Klischee, ohne selbstironisch zu werden. Die grinst über die Absurdität der ganz großen Gesten, schätzt aber doch deren Größe.

Wenn die Fortsetzung „Independence Day: Wiederkehr“ nun in Amerika von Kritik wie Publikum heftig abgewatscht wurde, dann vielleicht auch als rückwirkende Strafe aller, die sich ertappt fühlen, damals das „USA! USA! USA!“-Theater peinlich ernst genommen zu haben.

„ID4:R“ („Resurgence“, Wiederaufleben, so der Original-Untertitel) bedient nicht mal mehr an der Tarn-Oberfläche die Fantasien der Wutbürger und Trump-Anhänger vom zugleich tödlich beleidigten wie allmächtigen Amerika. Es ist vielmehr ein Abgesang auf heldenhafte Alleingänge und Führerfiguren. Freilich: Die Aliens sind wieder da, größer, böser, gefährlicher. Und hauen wieder, noch weitflächiger und fotogener, die Erde zu Klump – das Weiße Haus ist so ziemlich das Einzige, was diesmal stehen bleibt. Aber was im ersten Teil höchstens Lippenbekenntnis war, ist nun Thema: Nur die Gemeinschaft kann der Gefahr begegnen. Es braucht die Hilfe aller, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität, Religion, sexueller Orientierung. Und selbst Aliens stehen der Menschheit bei gegen die außerirdische Heuschrecken-Königin.

Zugegeben: Die Fortsetzung hat nicht die ikonografische Kraft ihres Vorgängers. Statt eines explodierenden Präsidentenheims gibt es apokalyptische Wimmelbilder. Aber Emmerich ist wohl der Letzte in Hollywood, der Blockbuster-Kino als Manufaktur betreibt. Er ist im Herzen der Bastler-Bub aus Sindelfingen geblieben und zeigt sich bei allem schwäbischen Kaufmannssinn doch begeistert von der Illusionsmaschine, die er mit seinen Endzeit-Panoramen auf Hochtouren bringt. Und der sich und dem Publikum auch jenseits der 100-Millionen-Dollar-Budgetgrenze das Eingeständnis erlaubt: Ja freilich sind Filme über Alien-Invasionen im Grunde ein herrlicher Schmarrn. Alle, die jauchzen können über Raumschiffe groß wie der Atlantik und Schulbusse im Wettrennen gegen die Apokalypse, über einen Weltuntergang, der immer noch Zeit für letzte Liebesgeständnisse lässt, und Weltretter, die ihre Eltern enttäuschen – sie müssen also auch hier wieder in die Hymne von Get Well Soon einstimmen: „Roland, I feel you“!

„Independence Day: Wiederkehr“

mit Liam Hemsworth,

Jeff Goldblum

Regie: Roland Emmerich

Laufzeit: 120 Minuten

Sehenswert

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