Glattes Action-Spektakel

„The First Avenger: Civil War“: Spätkapitalistische Träumereien

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Bereit für den „Civil War“: Falcon (Anthony Mackie, v. li.), Ant-Man (Paul Rudd), Hawkeye (Jeremy Renner), Captain America (Chris Evans), Scarlet Witch (Elizabeth Olsen) und Winter Soldier (Sebastian Stan).

München - „The First Avenger: Civil War“ ist zu glatt und verflackert rückstandslos – Immerhin sind die Stunts sehenswert.

Was dem Action-Kino der 1980er sein Vietnam-Trauma war, das ist den Superhelden-Blockbustern unserer Zeit noch immer 9/11 und die Folgen. Im popkulturellen Nachtarock scheint nun das große Thema: Wie viele unschuldige Opfer, wie viel Wildwest-Justiz sind bei der Rache erlaubt?

Nachdem Warner/DC vorgelegt hat mit Zack Snyders unerquicklichem „Batman v Superman“, tragen jetzt auch die Superhelden von Disney/Marvel ihre entsprechenden Gewissenskämpfe untereinander handfest aus. Ausgerechnet „Iron Man“ Tony Stark, Verkörperung des militärisch-industriellen Komplexes, wird hier Anführer jener Fraktion, die sich der Legitimierung durch ein internationales UN-Gremium beugen will. Während Captain America (Chris Evans) auf dem Alleingang beharrt – er entscheidet selbst, was gut und recht ist.

„Civil War“ ist weniger „Captain America 3“ als „Avengers 2.5“. Marvels jahrzehnteübergreifende Franchise-Planwirtschaft hat nun die dritte Phase ausgerufen. Ein Gutteil der bisher etablierten Figuren hat also aufzumarschieren. Abschiede sind zu nehmen. Und neue Serienableger einzuführen – nicht zuletzt Black Panther (Chadwick Boseman). Man sollte nicht geringschätzen, was der Film da alles an Plot der Comic-Vorlage und Produzentenwünschen halbwegs kompetent abhakt. Auch wenn mehr das Gefühl einer (spürbar) zweieinhalbstündigen Exposition bleibt als einer eigenständigen Geschichte. Aber „Civil War“ ist auch Film Eins nach der Ära Joss Whedon. Der große Popkultur-Virtuose („Buffy“, „Firefly“) hat seinen Abschied vom Marvel-Universum genommen. Und die Russo-Brüder setzen den Produzenten-Zwängen merklich weniger persönliche Vision entgegen. Sie sind ordentliche Verwalter, Erfüllungsgehilfen, keine Autorenfilmer. Jede Szene hat bei ihnen genau eine Ebene. Aufsagen politischer Diskussionspositionen, Gewitztheit, Charakterzeichnung – nie geht das gleichzeitig. Die Russos sind im Herzen Fernseh-, Kammerspiel-Regisseure. Große Kinobilder sind ihr Ding nicht.

Der Showdown (bei dem immerhin die Stunt-Regisseure ganze Arbeit leisten) spielt am Flughafen Leipzig-Halle. Und auch sonst nutzt man den Standortvorteil Deutschland (das gleich noch als „Bukarest“ auftritt): Daniel Brühl gibt den farblosesten Bösewicht der Marvel-Geschichte. Und in Berlin haben die US-Helden einen Stützpunkt in Bundestags-Gebäuden. Weil: staatliche Souveranität!

Die Marvel-Filme haben bisher davon profitiert, dass sie im kommerziell gesteckten Rahmen kreativen Talenten Freiraum ließen. In „Civil War“ aber erinnert wenig daran, dass Grundstein des Erfolgs einst Robert Downey Jrs. subversive Indie-Ironie als Tony Stark war. Hier blitzt nur in einer Szene etwas davon auf – bei einem Besuch im Jugendzimmer des neuen Spider-Man (Tom Holland).

Heutige Franchise-Blockbuster sind immer auch Träume des Spätkapitalismus. „Civil War“ aber ist zu glatt, verflackert zu rückstandslos, um noch etwas anderes zu sein. Dass der Film sich bei all seinem Buhlen um globale Märkte letztlich gegen das Völkerrecht, für den US-Alleingang ausspricht, ist da fast schon wieder das Subversivste.

„The First Avenger: Civil War“

mit Chris Evans, Anthony Mackie Regie: Anthony & Joe Russo

Laufzeit: 147 Minuten

Annehmbar

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