Filmkritik und Trailer

„High-Rise“: Stammeskriege im Hochhaus

„High-Rise“ mit Jeremy Irons ist kluges, schwarzhumoriges Gesellschaftsporträt Großbritanniens. Die Filmkritik.

Am Ende stimmt Margaret Thatcher die Hymne auf den Kapitalismus an. Doch das ist kein historischer Rückblick, sondern die Morgenröte einer neuen Ära. Die Zukunft in „High-Rise“ ist von gestern. Genauer: von 1975. Sie stammt aus dem gleichnamigen Roman von J.G. Ballard. Ballard war ein Solitär des britischen literarischen Sciene-Fiction, der Kartograf einer Psychopathologie des modernen Englands. Es sind spröde, oft klinisch anmutende Romane, scheinbar unverfilmbar.

Ben Wheatleys „High-Rise“ mag ein Remix der Sätze, Situationen, Motive des Buchs sein. Doch er ist nah am Geist und Tonfall, an dessen seltsamer Art von ultrapräzisem Impressionismus und distanzierter Hysterie. Der Titelheld ist ein neues Luxus-Hochhaus, in das wir mit dem Anatomie-Dozenten Robert Laing (Tom Hiddleston) Einzug halten. Der Einzelgänger bewegt sich frei in dessen vertikaler Klassengesellschaft, über welcher ihr Architekt Royal (Jeremy Irons) im Penthouse thront. Laing beobachtet kühl, wie binnen weniger Monate aus kleinen Rissen im Gefüge ein Total-Rückfall in barbarische Stammeskriege wird.

Ben Wheatley (in Kolaboration mit Autorin und Ehefrau Amy Jump) liefert mit „High-Rise“ sein Meisterstück. So intelligent und komplex wie zugleich lustvoll, seine Horror-Genre-Wurzeln nie verleugnend. Wheatley geizt weder mit den Kino-Primärreizen Gewalt und Sex noch mit schwarzem Humor – und erst recht nicht mit großartig surrealen Bildern. Und doch ist „High-Rise“ ein ernstes Zwiegespräch mit der literarischen Vorlage, gerade weil er genialerweise dessen Zukunftsvision in ihrer Zeit belässt. Das oberste Dutzend des Hochhauses freilich inszeniert sich als Ancien Régime am Vorabend der Französischen Revolution. Und wenn Thatchers Rede am Ende bewusst macht, wie viel der Verheerungen des Neoliberalismus Ballard vorausgesehen hat, beschleicht einen gerade nach dem Brexit, der ungute Gedanke: Nach der Revolution ist immer vor der nächsten.

Thomas Willmann

Rubriklistenbild: © dpa

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