Wichtige Neuerung

Revolution bei Bewerbungen: Siemens als Vorreiter?

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Die Siemens-Personalchefin will keine Fotos mehr in Bewerbungen.

Welchen Bewerber nimmt eine Firma für eine offene Stelle? Natürlich den besten, könnte man meinen. Doch Personalverantwortliche könnten sich bei ihrer Entscheidung in die Irre leiten lassen, etwa von Bildern. Warum also nicht weg mit den Porträts im Business-Look, fragt eine Top-Managerin.

In den USA sind sie bereits seit einigen Jahren verpönt: Fotos in Job-Bewerbungen. Und auch in anderen Ländern wie etwa Kanada, Spanien, Frankreich oder Großbritannien ist es unüblich, sich in einer Bewerbung mit Foto zu präsentieren.

In Europa schreite dieses Thema hingegen „nicht ganz so schnell“ voran, so Siemens-Personalchefin Janina Kugel. Ihre Firma erwäge, Fotos komplett aus dem Bewerbungsprozess zu nehmen.

Seit 2006 darf man laut AGG, dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, zur Vermeidung der Diskriminierung von Bewerbern auch in Deutschland das Bewerbungsfoto weglassen. Doch nachdem ein Foto zur Bewerbung hierzulande noch Standard ist, zählt dieses Gesetz in der Praxis nur wenig. Denn so gut wie kein Bewerber würde auf die Idee kommen, das Foto in der Bewerbung einfach wegzulassen. In den anderen Ländern spielt diesbezüglich wohl die Gewohnheit eine große Rolle: Dort wurde jahrelang kommuniziert, dass Unternehmen ausdrücklich auf Bewerbungsfotos verzichten.

Warum sollte man auch eine Bewerbung ohne Foto verschicken?

Gute Frage eigentlich. Doch die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Viele Personaler bilden sich durch das Foto schon eine Meinung über den Bewerber oder die Bewerberin - inhaltliche Aspekte sind dann zweitrangig. Bewerbungsfotos sind auch aus Sicht von Janina Kugel überflüssig. Ihr zufolge bestünde immer das Risiko, dass Personaler durch Bilder in einer Bewerbung beeinflusst würden. Dadurch könne es zu keiner richtigen Personalentscheidungen träfen, sagte Kugel am Donnerstag in Gerlingen.

Das Problem unbewusster Denkmuster

Kugel verwies auf das offensichtlichste der Probleme eines Bewerberfotos: Unconscious Bias, zu deutsch etwa: Unbewusste Denkmuster oder Voreingenommenheit. So werte man automatisch bestimmte Typen von Menschen als unseriös, technikfern oder altbacken. „Ganz eindeutig ist es wissenschaftlich bewiesen, dass ein Foto einen Rückschluss auf eine Qualifizierung beinhaltet, wenngleich das natürlich nicht unbedingt richtig ist“, sagte Kugel.

Bewerbung ohne Foto - Zukunftsmusik in Deutschland?

„Wir sind auf jeden Fall in der Diskussion, auch das abzuschaffen“, erklärt Kugel gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. An die Adresse potenzieller Siemens-Bewerber sagte sie: „Bewerben Sie sich auch gerne ohne Foto.“ Bei Bosch ist man dagegen anderer Auffassung. „Ohne Fotos würde sich nichts gravierend ändern“, sagte Bosch-Personalchef Christoph Kübel und verwies auf entsprechende Untersuchungen von Baden-Württembergs Landesregierung. Man nehme in Deutschland Bewerbungen mit und ohne Bilder. „Wir stellen sicher, dass wir nicht nach Fotos auswählen.“

Online-Training zum „Unconscious Bias“

Ab Ende Juni soll ein Online-Kurs dabei helfen, Kenntnisse zum Problem unbewusster Denkmuster zu vertiefen. Auf www.chefsache.de ist dieses Training dann frei verfügbar. Neu dabei im „Chefsache“-Netzwerk sind die Lufthansa, EnBW und der Tüv Rheinland. Die Schirmherrschaft in der vor etwa einem Jahr gestarteten Initiative hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Im Bundeskanzleramt ist im Oktober eine Konferenz des Netzwerks geplant, zu der Merkel einlädt.

dpa / sca

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