Zeitlose Liebe: Sexualität im Alter

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Miteinander zärtlich und intim sein: Das ist weniger eine Frage des Alters, sondern vielmehr der persönlichen Lebensphilosophie, sagt Urologin Dr. Kornelia Hackl.

Sexualität im Alter – ein Tabu? Keineswegs! Denn für ein erfülltes Liebesleben spielt das Alter kaum eine Rolle, sagt unsere Expertin, die Münchner Urologin Dr. Kornelia Hackl. 

Ein Interview über die schönste Nebensache der Welt – und wie man sie genießen kann.

Ab welchem Zeitpunkt spricht man von Sexualität im Alter?

Für Sexualität gibt es keine Altersgrenze! Das ist mehr eine Frage der persönlichen Lebensphilosophie. Wer in jungen Jahren besonders viel Wert auf Sexualität gelegt hat, für den wird sie auch Jahre später vermutlich nicht unwichtig sein. Entscheidend ist meiner Ansicht nach vor allem die Lebenssituation: Bin ich Single, verwitwet, krank? Alle diese Aspekte beeinflussen die Sexualität deutlich mehr als das Alter.

Wie wandelt sich denn die Sexualität im Lauf der Jahre?

Wird man älter, muss man sich mit ein paar Dingen abfinden. Die meisten Menschen wissen und spüren, dass ihre Sexualität jetzt eine andere ist. Die Einstellung und Erwartungshaltung ändert sich: Es ist schön, auch im Alter Sexualität zu leben – wenn vielleicht auch ein bisschen anders als früher. Ältere Menschen legen oft mehr Wert auf Zärtlichkeit und Nähe als Jüngere. Dabei geht es nicht nur um Kuscheln, sondern auch um ein befriedigendes Liebesleben.

Sexualität im Alter ist also nicht ungewöhnlich – warum wird sie trotzdem immer noch tabuisiert?

Das hat vor allem soziokulturelle Aspekte. Früher sprach kaum jemand über Sexualität. Der Geschlechtsverkehr fand hinter verschlossenen Türen statt, Masturbieren war verpönt. Heute ist das ganz anders. Die Senioren von heute machen Fernreisen, spielen Golf, haben viele „junge“ Hobbys. Warum sollten sie dann nicht auch ein erfülltes Liebesleben haben?

Sagen Sie es uns.

Es gibt keinen rationalen Grund, der gegen Sexualität im Alter spricht. Das Verlangen ist selbstverständlich auch bei älteren Menschen vorhanden. Es sind in der Regel die Jüngeren, die das tabuisieren.

Dann reden wir mal Tacheles. Was soll man tun?

Dr. Kornelia Hackl. Sie hat eine urologische Privatpraxis in München.

Nicht das Lebensalter scheint mir das Hauptproblem zu sein, sondern die mit dem Älterwerden einhergehenden sexuellen Störungen, wie zum Beispiel die Erektionsstörung beim Mann. Ein häufiger Grund für Erektionsstörungen sind etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, verursacht durch die bekannten Gefäßrisikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes und Stoffwechselstörungen. Diese können zu einer generalisierten Gefäßerkrankung führen, die sich am Penis als Erektionsstörung zeigt. Daneben können auch andere Ursachen eine Rolle spielen wie Medikamente – zum Beispiel Beta-Blocker oder Entwässerungstabletten –, aber auch größere Tumor-Operationen an Darm und Prostata.

Was ist mit Hormonstörungen?

Stimmt, Testosteronmangel ist hierbei von Bedeutung. Ab dem 40. Lebensjahr produzieren Männer etwa ein Prozent weniger des männlichen Hormons Testosteron – jährlich. Damit kommt es zu einem Hormonabfall über die Jahre. Mit ausgewogener Ernährung, durch Gewichtsreduktion und durch vermehrte körperliche Aktivität, lässt sich der Testosteronwert jedoch positiv beeinflussen. Darüber hinaus gibt es auch die Möglichkeit, Testosteron medikamentös anzuheben – etwa durch Verwendung von Testosterongels oder -spritzen. Aber eine solche Ersatztherapie darf nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen und nach Ausschluss von Kontraindikationen, wie zum Beispiel dem Prostatakarzinom.

Kommen wir nochmal detaillierter auf die Gefäßverkalkungen zu sprechen.

In unserer Wohlstandsgesellschaft stellt Arteriosklerose ein großes Problem dar. Als Frühsymptom manifestiert sie sich am Penis als Erektionsstörung. Studien belegen sogar, dass Erektionsstörungen einem Herzinfarkt oder Schlaganfall bis zu zwei Jahren vorangehen können. Tatsache ist, dass für eine gute Erektion kurzfristig viel Blut in die Schwellkörper strömen muss – was aber bei einer Verkalkung der Penisarterie nicht mehr in ausreichendem Maß möglich ist.

Und dann?

Mit gefäßerweiternden Medikamenten, den „PDE 5 Hemmern“, stehen seit einigen Jahren sehr gut wirksame und in aller Regel auch gut verträgliche Medikamente zur Verfügung. Männer haben heute die Wahl zwischen vier Präparaten, die in ihrer Wirkungsweise sehr ähnlich sind – sich jedoch in ihrem Wirkeintritt und ihrer Wirkdauer unterscheiden. Die betroffenen Patienten können nach Rücksprache mit ihrem Arzt entscheiden, welches Präparat für sie am ehesten infrage kommt.

(Anmerkung der Redaktion: Die vier Präparate sind Viagra, Cialis, Levitra und seit kurzem Spedra. Cialis wirkt am längsten – bis zu 36 Stunden. Das ist im Vergleich zu Viagra und Levitra etwa drei- bis viermal so lang. Spedra wirkt etwa gleich lang wie Viagra und Levitra – wird jedoch deutlich schneller aufgenommen, so dass die Wirkung schon nach etwa 30 Minuten eintreten kann.)

Nicht nur Männer haben das eine oder andere Problem, sondern auch Frauen – Stichwort Wechseljahre.

Ja, nicht nur Männer, auch Frauen haben ihre Probleme. Durch die hormonellen Veränderungen im Zuge der Wechseljahre kann die Libido, die Lust auf Sexualität, nachlassen. Hinzu kommt noch häufig eine Trockenheit der Scheide, die Schmerzen beim Geschlechtsverkehr verursachen kann. Bei Scheidentrockenheit können Gleitgels oder Östrogenzäpfchen, also Hormonzäpfchen, helfen. Als Alternative hierzu gibt es zudem hormonfreie Präparate, die auch in Apotheken erhältlich sind. Auch eine Kur mit Milchsäurebakterien kann helfen, das Scheidenmilieu zu verbessern.

Was ist mit klassischen Hormontherapien, die nicht lokal begrenzt sind?

Die systemischen Hormontherapien können auch bei Beschwerden in den Wechseljahren eine Therapieoption sein. Die Entscheidung hierfür muss aber stets in Absprache mit dem behandelnden Gynäkologen erfolgen. Fakt ist: Auch bei Frauen sinkt mit steigendem Alter der Hormonspiegel. Dabei wird weniger Östrogen, aber auch weniger Testosteron gebildet. Ein sinkender Testosteronspiegel kann – wie beim Mann – auch bei der Frau zum Nachlassen der Lust führen.

Wir haben jetzt vor allem über körperliche Beschwerden gesprochen. Welche Rolle spielt denn die Seele?

Die Seele, besser gesagt die Psyche, hat eine zentrale Bedeutung! Das große „Erektionsorgan“ war schon immer der Kopf, nicht der Penis. Männer sind sehr verletzbar, was ihre Manneskraft angeht. Bleibt wiederholt eine Erektion aus, entsteht fast immer Versagensangst. Damit wird ein Teufelskreis in Gang gesetzt, der bereits im Kopf beginnt – und das Gelingen einer guten Erektion erschwert oder unmöglich macht.

Wie kommt man aus diesem Teufelskreis wieder raus?

Durch Erfolgserlebnisse, so banal das klingen mag. Druck raus, Entspannung rein – das ist die Devise. Bei Stress und Angst wird viel Adrenalin gebildet. Dieses Hormon verengt die peripheren Blutgefäße, auch die des Penis, so dass keine gute Erektion entstehen kann. Darum ist es wichtig, die Entspannung, die Zuversicht und das Vertrauen in die eigene Potenz zurückzugewinnen.

Und das geht wie?

Die betroffenen Männer müssen eine gute Erfahrung machen, um ihr „Erektionstrauma“ zu überwinden. Dabei können, wie oben schon erwähnt, „PDE 5 Hemmer“ helfen.

Das Interview führte: Barbara Nazarewska


Sexualität im Alter: Fünf Tipps 

Wer ein erfülltes Paarleben haben möchte, sollte diese fünf Tipps beachten. Vor allem gilt: viel Entspannung und wenig Druck. Hier die Ratschläge im Einzelnen: 

  1. Ein gutes Körpergefühl haben: Wer sich selbst nicht mag, wird sich seinem Partner kaum hingeben können. 
  2. An seiner Beziehung arbeiten: Wer sich im Alltag nichts (mehr) zu sagen hat, keine Nähe für den anderen empfindet, wird auch im Bett nicht miteinander harmonieren. 
  3. Sich nicht von allgemeinen Mythen leiten lassen: Es gibt keine Regel, wie oft man miteinander intim sein sollte. Das ist ganz individuell – der Vergleich mit anderen setzt nur unter Druck und nimmt die Lust. 
  4. Sexuell aktiv bleiben, selbst wenn es mal schwierig wird: Wer über Jahre nicht mehr zärtlich zueinander war, läuft Gefahr, nach so langer Zeit völliger Abstinenz die gegenseitige Zuneigung zu verlieren. Eine Paartherapie kann da manchmal helfen. 
  5. Kreativ sein, wenn etwas Unerwartetes passiert: Den Humor bewahren, wenn einige Praktiken im Alter nicht mehr so funktionieren wie früher und sich auf neue Pfade begeben. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt – und manchmal entdeckt man sich auf diese Weise ganz neu.


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