Tabubruch begeistert

Facebook-Hit: Bahn wirbt mit schwulem Fußballer

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Der Werbespot der Deutschen Bahn mit einem schwulem Fußballer ist auf den sozialen Medien ein voller Erfolg.

Berlin - In einem neuen Werbespot der Bahn geht es um Liebe und Fußball. Das besondere daran: Bei den Protagonisten handelt es sich um zwei Männer. Das Netz feiert den Tabubruch ebenso wie der Außenminister.

Unter dem Motto "Die vielleicht berührendste Fußballgeschichte des Jahres - Gänsehaut garantiert" feiert die Deutsche Bahn mit einem Clip den 25. Jahrestag der ersten fahrplanmäßigen ICE-Fahrt in Deutschland - und landet damit in den sozialen Medien einen Klick-Hit.

Das Unternehmen setzt darin nicht nur auf ein Thema, das mit dem ICE an sich nichts zu tun hat, es begeht auch einen Tabubruch: Es geht nämlich um Homosexuelle im Fußball. In dem Kurzvideo mit dem schlichten Titel "Der Fan" ist ein Fußballer auf dem Platz zu sehen, ein anderer Mann fiebert auf der Tribüne mit den anderen Zuschauern mit. Am Ende treffen sich beide im Bahnhof und umarmen sich. "Verbindet mehr als nur A und B", ist zu lesen. "25 Jahre ICE."

Der Facebook-Post verzeichnete am Freitagvormittag schon knapp 700.000 Aufrufe und mehr als 3800 Likes, darunter auch einer von Frank-Walter Steinmeier (SPD). Der Bundesaußenminister gratulierte: "Herzlichen Glückwunsch, 25 Jahre ICE! #ICE25 #GayRights"

Bei YouTube, wo das Kurzvideo zu dem Song "Follow You" von Simon Glöde bereits am Mittwoch eingestellt worden war, waren es mehr als 458.000 Klicks, über 2100 Mal ging der Wertungsdaumen auf dem Videoportal nach oben, nur gut 100 Menschen senkten ihn. 

Lob und Tränen der Rührung in den Kommentaren

Die Begeisterung für das Plädoyer für Toleranz und Vielfalt zeigt sich auch in den Kommentaren: Mehrere berichten, sie hätten vor Rührung geweint. Stefan K. meint: "Schönes Video... die Deutsche Bahn hat es begriffen dass unsere Gesellschaft vielfältig ist. Und wann begreift es der Rest in unserer Gesellschaft?" Lin S. ergänzt: "Ein wirklich toller Spot. Geht ans Herz und setzt ein tolles Zeichen!" Ein dritter kommentiert: "Jetzt fehlen nur noch die schwulen Fußballprofis in der Realität, die in der Öffentlichkeit dazu stehen wer sie sind. Es wäre so wichtig und ein so tolles Signal, vor allem an homosexuelle Jugendliche."

Nur ein Nörgler kritisiert, die Bahn wolle mit dem Spot doch nur "von ihren Defiziten ablenken". 

Das steckt hinter dem Clip

Die Idee zu dem Kurzvideo hatte die Werbeagentur BBDO. Aber warum ein schwules Paar in einem Spot zu 25 Jahre ICE? „Als wir uns an die Arbeit gemacht haben, war klar, dass wir zeigen wollen, der ICE ist mehr als ein Transportmittel. Weil die Züge jeden Tag die verschiedensten Menschen zusammenbringen“, erklärt Franzis Heusel, Geschäftsführer Beratung bei der Werbeagentur BBDO in Berlin.

Und weil das ICE-Jubiläum fast mit dem Start der Fußball-EM zusammenfällt, lag der Bezug zum Sport nahe. „Wir kamen dann auf die Idee, eine Liebesgeschichte zu erzählen.“ Dass es um ein schwules Paar geht, habe die Bahn von Anfang an unterstützt. „Werbung versucht, die besondere Geschichte zu erzählen. Und heterosexuelle Paare hat man schon 100 Mal gesehen“, erklärt Heusel. Die Reaktionen in den sozialen Medien seien überwiegend positiv. „Dass es auch Leute gibt, die das nicht gut finden, dieses Risiko gehen wir bei diesem Thema gerne ein.“

Darum schlägt das Video so ein 

Aber was muss ein Spot mitbringen, um in sozialen Medien Erfolg zu haben? „Man muss Menschen zum Nachdenken bringen, zum Weinen oder zum Lachen, im Optimalfall alles drei in einem Spot“, sagt Stefan Stojanow, Vorsitzender der Fokusgruppe Social Media im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW). „Themen, die die Gesellschaft bewegen, werden in den sozialen Medien geteilt.“ Homosexualität sei ein kontroverses Thema, das Aufmerksamkeit verschaffe - der Spot der Bahn also durchaus ein Hingucker.

Hinzu kommt, dass eine emotionale Geschichte erzählt werde - mit Aspekten wie Begeisterung für Fußball, die von vorneherein mit Gefühlen zu tun haben. Wobei Stojanow glaubt, dass der Clip mit fast 1,40 Minute gerade für mobile Nutzer möglicherweise schon zu lang ist, um richtig durch die Decke zu gehen. Aber um den Erfolg des Spots solide zu beurteilen, sei es noch zu früh.

"Minuspunkt: Kein schwuler Kuss"

Grundsätzlich sehr positiv sieht Markus Ulrich, Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD), den Werbe-Clip. Gut daran sei gerade die Selbstverständlichkeit, mit der ein schwules Paar in einer ganz normalen Situation gezeigt werde. „Ein Minuspunkt ist, dass es für einen schwulen Kuss am Ende nicht gereicht hat. Man sieht, wo dann doch die Grenze ist“, so der Sprecher des LSVD-Bundesverbandes in Berlin.

Ein Kritikpunkt, der auch in vielen Facebook-Kommentaren aufgegriffen wird. Zeitgleich hat die Diskussion über den neuen „Tatort“ von diesem Sonntag schon begonnen: Da ist der Berliner Ermittler Robert Karow, gespielt von Mark Waschke, bei schwulem Sex zu sehen - das geht deutlich weiter als der Clip für die Bahn.

dpa/hn

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