Obdachlos in Heilbronn

"Innerhalb einer Woche kann jeder alles verlieren"

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Frank Wojak (links) und André Brosinski haben ihr Zuhause, aber nicht ihren Mut verloren.

Obdachlose haben es nicht leicht. Heilbronn könnte nach ihrer Ansicht mehr tun.

Die Unterschiede könnten größer kaum sein. Während bei Daniel Brosinksi, Verteidiger des 1. FSV Mainz 05, ordentlich die Kasse klingelt, ist sein Cousin obdachlos. André Brosinski ist einer von über 11.000 Obdachlosen in Baden-Württemberg. Er und auch Frank Wojak haben ihre Arbeit und dann innerhalb kürzester Zeit auch alles andere verloren. echo24.de hat die beiden in der Obdachlosenunterkunft in der Heilbronner Salzgrundstraße getroffen und festgestellt: Schicksalsschläge kommen schneller, als man denkt.

"Ich war selbstständig und habe zwei Aufträge nicht bekommen. Dann ging alles ganz schnell den Bach runter", sagt Brosinski. Bei Wojak führt der Arbeitsverlust zu extremer Geldnot. So weit, dass er Gerichtsforderungen nicht bezahlen kann. "Ich bekam eine Ersatzhaftstrafe von 30 Tagen." Vorher hatte er bei Bekannten gewohnt, doch die setzten ihn nach seiner Rückkehr auf die Straße.

Dass alles so rasant "den Berg runter geht, damit habe ich nicht gerechnet", erklärt Brosinski. Seit einem Jahr ist der 43-Jährige obdachlos, übernachtet in der Salzgrundstraße. Wojak kam ein halbes Jahr später dazu. Doch bleiben wollen beide nur so lange wie unbedingt nötig.

"Mein Ziel ist es, ein normales, bürgerliches Leben zu führen", sagt Wojak. Aus diesem Grund hat er sich niemals hängen lassen, geht auch wieder einer Arbeit nach. "Ein Job - das ist das Wichtigste." So viel ist ihm klar. Wie lange es dauern wird, bis dann auch wieder die eigenen vier Wände erschwinglich sind? Das steht in den Sternen. Trotzdem: Auch Brosinski springt wieder ins kalte Wasser. Nach der ersten Pleite in der Selbstständigkeit hat er alles verloren. Doch er will auch jetzt wieder sein eigener Chef sein, sich etwas Neues aufbauen.

Obwohl eine Arbeit vorhanden ist, der dringende Wunsch nach einer Wohnung und die Bemühungen da sind - Probleme gibt es immer noch en masse. "Bei so vielen Dingen kriegt man einen Knüppel zwischen die Beine geworfen. Die hören 'Salzgrund' und stecken einen gleich in eine Schublade. Dabei sind sich die meisten einfach gar nicht bewusst, wie schnell jeder in so einer Situation landen kann."

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Innerhalb von einer Woche könne jeder auf der Straße stehen. "Die meisten Leute leben auf Pump und wenn dann auf einmal die Arbeit wegfällt, dann kommt der Rattenschwanz ganz schnell. Wenn man selbst etwas zahlen muss, dann nehmen die Leute das Geld gern, aber andersherum klappt das immer nicht so gut", stellt Brosinski nüchtern fest. Er spricht aus Erfahrung.

Und dann? Wie ist der Weg zurück? Vor allem steinig. "In Heilbronn könnte noch einiges mehr getan werden. In Frankfurt war es besser", sagt Wojak. Die komplizierte Bürokratie steht schnellen Abläufen im Weg. "Manchmal hat es auch etwas mit den einzelnen Personen zu tun. Auf dem Arbeitsamt geht das alles viel besser. Die Leute sind engagierter und fühlen mehr mit. Beim Jobcenter passiert das nicht. Da dauert es teilweise Wochen, bis jemand sein Geld hat."

Andersherum gibt es aber auch viele Leute, die helfen wollen. Viele, die keine Vorurteile haben. "So oder so: Das Wichtigste ist, dass wir nicht auf der Straße schlafen müssen. Dass wir arbeiten können." Und dann ist da noch ein besonderer Wunsch. Selbstlos hoffen die beiden: "Hier muss dringend etwas geändert werden. Es ist sehr unfreundlich für Kinder. Viele Familien leben im Salzgrund. Es gibt keinen Spielplatz, nichts zum Fußballspielen, keine Sandkiste. Wir brauchen sowas mal hier." Frank Wojak und André Brsoinski haben ihr Dach über dem Kopf verloren. Aber nicht ihre Persönlichkeit.

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Julia Fischer

Julia Fischer

Lifestyle, Essen und Trinken sind ihre Themen. Auch als Szene-Reporterin und bei lokalen Events mittendrin. Kolumne: "Angerichtet".

E-Mail:julia.fischer@echo24.de

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